Leseprobe: Der letzte lange Sommer


Aus Kapitel 6, S. 176 - 181
© 2007 by Blanvalet-Verlag,
München.
Wiedergabe mit
freundlicher Genehmigung.


... »Wir gehen arbeiten«, knurrte der Alte. Ein Schnalzen, der Hengst trat an, in Richtung Scheune, wo bereits ein mit weißen Säcken beladener Karren wartete. Lies fragte lieber nicht, wer die Säcke auf den Karren gehievt hatte …

Sörli blieb brav stehen, als die Deichsel rechts und links neben ihm auftauchte und Elías sie am Geschirr festband. Und als er den Befehl zum Losgehen gab, schaute der Hengst äußerst wichtig drein, denn dies hier war eine Arbeit die außer ihm niemand verrichten konnte, und die er offenbar seit vielen Jahren mit Vergnügen ausführte. Jedenfalls blitzten seine schwarzen Augen unter dem weißen Schopf und er prustete vor sich hin.

»Wo gehen wir arbeiten?«, fragte Lies vorsichtig, sie hatte immer noch keinen Schimmer, was sich wohl in den Säcken befand. Elías deutete in die Ferne. »Wo?«, fragte sie dumm und versuchte seinem wild herumdeutenden Finger Blicke hinterherzuschicken – ohne Erfolg. Das Ziel des Fingers war die Ferne am Fuß der Berge. Elías hängte sich eine Ledertasche um und nahm Sörlis Zügel in die Hand. Um ihn nicht ärgerlich zu machen, folgte Lies ihm einfach schweigend. Sie marschierten in eine Richtung, in die sie bisher noch nie gelaufen war, weil es dort nichts für sie gab – keinen Stall, keinen Misthaufen, keinen Zaun. Das hügelige Gelände hinter den Weiden östlich von Gunnarsstaðir, wo die Autos von Jói und Ari stets herkamen, war bisher außerhalb ihrer vorsichtigen Erkundungsgänge gewesen. Doch nun war sie ja nicht allein, und die Berge blieben zahm.

Das Bild des vor ihr gehenden alten Mannes mit dem Pferdewagen hatte etwas Altertümliches, Schönes, Friedliches.  Es hatte etwas von Ewigkeit. Das Bild besänftigte die wilde Natur, es lockte eine Schönheit, die sich sonst eher scheu versteckte, zwischen Steinen und Erdhügeln hervor und brachte sie dazu, zu verweilen und sich in der Sonne zu entfalten: Sattglänzende Moosstücke, winzige Pfützen, in denen sich Wolken spiegelten, schwefelgelbe Steine auf zermalmter, roter Erde. Seidenweiches Gras, das sich im Wind wiegte, schmale Ähren vom Vorjahr, die zur Melodie des Windes nickten. Eine gleißend-schimmernde Quelle, die aus dem Boden kam, in einer Senke einen kleinen Tümpel bildete und kurz darauf wieder im Boden verschwand, zwei Vögel, die sich am klaren Wasser labten und lustvoll in dem Tümpelchen badeten … Lies holte tief Luft.

Island war schön.

Sie geriet ins Schlendern. Schloss die Augen, ließ sich das Haar vom Wind verwirbeln, atmete einfach. Die aufkommende Würze aus der Wiese kitzelte ihre Nase, wilder Dost, wilder Knoblauch, frisches Grün. Sonne im Gesicht.  Das Blau des Himmels, so intensiv blau, dass es durch die Lider durchschien, ihren Kopf erfüllte, ihr Herz berührte.

Immer weiter blieb sie zurück, ließ ihre Blicke schweifen und blieb immer wieder an dem ungleichen Gespann weiter vorne hängen – der stolze weiße Hengst mit der üppigen Mähne, die bei jedem Schritt lustig wippte, und der gebeugte alte Mann, der in der einen Hand den Zügel hielt, die andere Hand auf den Hals des Pferdes gelegt hatte und Schritt für Schritt mit ihm das schwierige Gelände hinter sich brachte. Sie hörten einander zu – strauchelte der Alte, blieb der Hengst sofort stehen. Hakelte der Karren, befreite Elías das Rad oder trat Steine aus der Spur, damit es leichter vorwärtsging. Die beiden kannten den Weg – je weiter sie sich entfernten, desto deutlicher sah man die Spuren eines uralten Weges in der aufwachenden Grasnarbe. Ein Weg, den vielleicht schon seine Väter benutzt hatten, den Generationen von Pferden entlanggegangen waren, um Waren aus dem Tal zu bringen. Früher hatte man dazu den Pferden die Last auf den Rücken gelegt – sie hatte Fotos in einer Zeitung gefunden und solch ein altes Lastengerüst hing auch in der Scheune.

Doch es gab niemanden mehr auf Gunnarsstaðir, der stark genug war, Lasten auf das Pferd zu heben. So zog es den Karren, der sicher so alt war wie das hölzerne Lastengerüst, und nichts unterschied es darin von seinen vierbeinigen Vorfahren. Nichts außer den Plastiksäcken, deren Inhalt Lies immer noch nicht erriet.

Etwa zwanzig Fußminuten vom Hof entfernt schwang sich eine hölzerne Brücke über die Jökulsá. Es polterte furchtbar, als Sörli über die hölzernen Planken marschierte, er lief jedoch unbeirrt und gleichmütig weiter, als gehöre dies zu seinem täglichen Weg.

Und zum ersten Mal, seit Lies auf Gunnarsstaðir weilte, stand sie auf der anderen Seite des Flusses, nachdem sie mit geschlossenen Augen über die Brücke gehuscht war, weil sie Angst hatte – Angst vor der Höhe, vor dem Tosen unter sich, Angst davor, einzubrechen …

Ach, Unsinn!

Elías lächelte, als sie bei ihm ankam. »Das ist die an dere Seite«, sagte er, und es war nicht ganz klar was er damit meinte. Klar jedoch wurde, was er mit Arbeit gemeint hatte, denn in den Säcken befand sich Dünger, den er mit beiden Händen in Plastikschüsseln füllte. Sörli wurde ausgeschirrt und genoss nach getaner Arbeit das Gras, welches hier mit Sicherheit besser schmeckte als auf der bekannten Seite des Flusses. Und Lies bekam die kleinere Schüssel mitsamt ein Paar Arbeitshandschuhen in den Arm gedrückt. Hunderte von kleinen weißen Perlen rannen durch ihre Finger, es roch durchdringend nach Kalk und irgendwas Chemischem. Elías zeigte ihr mit ein paar Handbewegungen, wie die Perlen zu werfen waren. Einen schönen Bogen mit dem Arm, die Hand rechtzeitig öffnen und die weiße Pracht davonfliegen lassen …

Nebeneinander her schritten sie über die Wiesen und warfen den Dünger, die Wiese schluckte ihn dankbar und bewahrte ihn bis zum nächsten Regen, wo er sich auflösen und den Boden mit Nährstoffen für gutes Gras versorgen würde. Sie warfen den ganzen Vormittag, und als die Sonne steil stand, war Lies’ Oberarm lahm, das Kreuz wundgedreht und die Schulter schmerzte entsetzlich. Der Alte warf, zäh wie Sohlenleder weiter, während sie auf dem Karren ausruhen musste. Aller Duft, alle Romantik, Farbe, Träumerei – weg. Sie war hundemüde.

Irgendwann kam er zu ihr und nestelte an der Ledertasche. Gekochtes Fleisch kam zum Vorschein, und die Thermoskanne, in der süßer Kaffee verführerisch duftete. Da Lies nur ein bisschen Brot geknabbert hatte, war sie jetzt natürlich hungrig wie ein Bär, und Elías lächelte über ihren Appetit.

»Warum kann das nicht eine Maschine machen?«, fragte sie mit vollem Mund.

»Ich hab keine Maschine«, brummte er und kippte den Kaffee, so heiß wie er war, in einem Zug hinunter.

»Aber hätte man nicht jemanden fragen können?«, knurrte sie stumm, »Irgendwer wird ja wohl einen Traktor mit Gerät besitzen.

»Wir haben immer alles allein gemacht auf Gunnarsstaðir«, setzte er noch hinzu.

»Ah.«

Sie aßen schweigend.

»Aber den Dünger, den hat dir jemand gebracht?«, raffte sie sich nach einer Weile auf zu fragen.

»Ari bringt den Dünger«, schmatzte er.

»Ah.«

»Wir haben immer alles allein gemacht auf Gunnarsstaðir.«

Lies betrachtete ihn von der Seite. Seine Hände waren immer noch riesengroß, und in seine Faust passte das Doppelte an Perlen wie in ihre. Der Rest des Mannes jedoch, Oberkörper, Schultern, und selbst die Höhe, schrumpfte zusehends, wie sie fand. So hatte dieser Spruch etwas von einem Mantra, einer Beschwörung, von jemandem, der spürte, wie ihn die Kräfte verließen, und der aber nicht aufgeben wollte, weil die Berge kein Verständnis dafür haben würden.

Aufgeben hieß sterben.

Sie bewunderte ihn für seine Zähigkeit.


Der Nachmittag wurde zur Qual. Sie konnte kaum noch die Arme bewegen, sie hasste die Perlen, die ihr in der Schüssel durch die Finger rollten, sie hasste den Wind, der auffrischte und die Perlen in die falsche Richtung lenkte, sie hasste den unebenen Boden, über den sie stolperte. Am Ende hielt sie einzig der Blick auf den alten Mann aufrecht, der vorwärtsging und vorwärtsging und immer weiterging, die Schüssel neu befüllte und wieder von neuem vorwärtsging, bis die riesige Wiese bis zum letzten Winkel gedüngt war und hoffentlich reiche Ernte bringen würde. Schweißperlen standen auf seiner Stirn und die Lippen hatten eine bläuliche Färbung angenommen. Lies raffte sich auf, mobilisierte die allerletzten Kräfte, um die Plastiksäcke zusammenzupacken und auf den Karren zu packen, den Sörli am Nachmittag brav neben ihnen hergezogen hatte. Der Hengst hatte auch keine Lust mehr und Ungeduld in den Augen.

»Setz dich«, brummte Elías und deutete auf den Karren.

Der war zwar uralt, aber stabil und bot zwei Personen gerade so Platz. Ihr war nicht ganz wohl dabei, doch den ganzen Weg zu Fuß zu laufen, darauf hatte sie noch viel weniger Lust. Und so kam Lies in den Genuss der ersten Kutschfahrt ihres Lebens – unfreiwillig, unbequem und flotter als sie gedacht hatte. Als der Hengst antrat, macht es einen Ruck, Elías schnalzte und dann flogen sie dahin, an den Bergen vorbei, den ganzen langen Weg, den sie beim Düngen gemacht hatten, zurück, und die Grashalme nickten im Fahrtwind winkend und dankend für den nahrhaften Besuch …



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