Leseprobe: Die Rose von Salerno



Aus Kapitel 7, S. 225 - 228
© 2007 by Blanvalet-Verlag,
München.
Wiedergabe mit
freundlicher Genehmigung.


Schwere Schritte erklangen auf der Treppe, Männerstimmen kamen näher. Alles horchte auf.

„Ihr habt ein Zauberweib mit eingesperrt – befreit uns von ihr – zu Hilfe!“, kreischte Mauricia und rüttelte an den Gitterstäben. „Zu Hilfe, habt Mitleid!“ Durch die Gitter hindurch traf sie ein Stoß, dass sie auf den Rücken fiel und japsend liegenblieb, während sich der Wächter an dem Schloss zu schaffen machte. Quälende Momente, weil der Schlüssel klemmte. Angespanntes Schnaufen, denn die Treppe war steil gewesen.

„Ich habe Durst“, weinte ein Mädchen. Dann sprang das Tor endlich auf. Zwei Knechte schleppten einen Tränkekübel mit brackigem Wasser hinein, der Wächter stellte sich breitbeinig ins Tor. Noch jemand war die Treppe heruntergekommen, eilig, leichtfüßig und mit klirrendem Waffengehänge. Gérard de Hauteville schob den Wächter zur Seite und blickte so hochmütig, wie es nur irgend ging, in die Frauenrunde. Keine von ihnen wagte angesichts der gezogenen Waffen aufzuspringen, obwohl das Wasser lockte, aus dem Kübel herausgeschwappt war und in kleinen Rinnsalen im Matsch versickerte.

Ima hockte mit dem Rücken gegen die Kerkermauer. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Was für eine Laune Gottes, dass ausgerechnet er da stand. Für einen Moment trafen sich ihre Blicke, über Schmutz und Kälte hinweg, und es wurde ganz still in ihren Herzen. Eine Träne rann ihr die Wange herab, dann lächelte sie.


Gérard stand kurz davor, die Fassung zu verlieren.

„Diese da, sie kommt mit mir!“, herrschte er den Wächter von der Seite an und zeigte auf Ima, ohne sie noch einmal anzusehen.

„Ich geb hier keinen raus“, blaffte der zurück. „Diese Weiber gehen alle an die Sarazenen und sollen gut bewacht werden.“

„Diese da steht in den Diensten eines hohen apulischen Herren – soll ich ihn dir vorbeischicken?“, entgegnete Gérard mit scharfer Stimme. „Möglich, dass du dich dann selbst hier unten wiederfindest, weil es den Chevalier wenig ergötzen wird, sein Dienstvolk in römischen Kerkern zusammensuchen zu müssen. Möglich dass man dem Guiscard ...“

„Sie wurde beim Morden eines Apuliers erwischt!“

„Und sie ist ein Zauberweib, schaut Euch doch ihre Hände an!“, keifte Mauricia dazwischen und sprang auf. „Wir haben unter ihr leiden müssen, habt Mitleid mit uns, edler Herr! Holt uns hier raus, ich bitte Euch!“ Und sie warf sich vor Gérard auf den Boden, küsste seinen Stiefel, kroch an seinen Beinen hoch und grapschte nach dem Kettenhemd. Ihr wirres Haar hing wie ein Vorhang auf den Boden. „Holt uns hier raus, edler Herr, habt Mitleid, Ihr werdet es nicht bereuen, Herr ...“

„Gebt den Weibern zu essen, damit sie ruhig sind. Marsch, worauf wartet Ihr? Klappergestelle werden auch die Sarazenen nicht kaufen wollen. Um diese da kümmere ich mich.“ Wie ein lästiges Tier schüttelte der Normanne die Frau ab und streckte die Hand aus. Dann wagte er einen zweiten Blick in Imas Gesicht. Schmal war es geworden. Die Rose hatte ihre Blätter verloren, aber ihr Stiel war ungebrochen und ihr Duft unvergänglich. Sie berührte sein Herz und machte es schwach, mitten im Krieg. In seiner Brust zog es sich schmerzhaft zusammen – welch steiniger Weg hatte sie nur hergeführt in diesen feuchten Kerker?

Seine Hand war die Rettung, wie damals im See von Arles. Sie starrte vor Schmutz und war schwielig und packte ein wenig zu heftig zu. Dafür ließ sie nicht mehr los, nicht, als die Lücke zwischen Kerkertür und dem grimmigen Wächter zu eng wurde, und auch nicht, als Ima auf den Treppenstufen ausrutschte und der Länge nach hinschlug. Sie hielt sie den ganzen Weg durch die finsteren Gänge des Kolosseums, vorbei an bewaffneten Apuliern, blakenden Feuerstellen und Gittern, hinter denen Menschen jeden Alters saßen, weinend, schreiend und durch die Gitterstäbe fuchtelnd. Das Kolosseum saß voller Gefangener, auf die der Sklavenmarkt wartete, um apulische Truhen mit Gold zu füllen, weil die Plünderung Roms zu wenig eingebracht hatte. Sie hielt sie fest, als man Gérard aufzuhalten versuchte, Ima herumschubste und er handgreiflich werden musste, weil die Aufpasser meinten, sich aufspielen zu müssen – er wehrte sich mit einer Hand und hielt sie mit der anderen fest, und hielt sie immer noch, als das schwere Tor hinter ihnen zufiel.

Gérard blieb stehen und holte tief Luft.

„Verflucht.“ Das kam aus tiefstem Herzen. Mehr sagte er nicht, und er ließ auch ihre Hand nicht los, denn hinter Santa Maria Novae schlugen, vom Forum kommend, Flammen in den Himmel – die Feuersbrunst war auf dem Vormarsch nach Süden, und wenn der Wind weiter anhielt, würde auch das Kolosseum keinen Schutz mehr bieten. Ein Alptraum. Die Eingekerkerten befanden sich in großer Gefahr – was für ein Glück, was für ein unglaubliches Glück, daß er sie gefunden hatte! Trotzdem war er ratlos, was er als nächstes tun sollte. Sie anzuschauen wagte er auch nicht, und am liebsten hätte er sein Schwert gezogen und jemanden totgeschlagen, einfach so, oder aus Rache ...

„Danke Euch“, sagte Ima da leise und versuchte, ihre Hand aus dem Griff zu befreien. Seine Ratlosigkeit verflog. Sie loslassen? Gehen lassen?

„Wir müssen uns nach Süden halten“, sagte er schnell und verhinderte mit raschem Griff ihr Ansinnen. „Die Tore sind offen, und so weit wird es das Feuer nicht schaffen. Im Süden sind wir sicher. Dort können wir die Stadt verlassen.“ Und was dann? Die Sonne spielte in ihrem blonden Haar, erzählte von einer heiteren jungen Frau mit unwiderstehlichem Lachen und strahlenden Augen, wie damals, auf der Lichtung der Alyscamps, als er sie im Wasser entdeckt und vor der Schlange gerettet hatte. Das Strahlen war irgendwo auf dem Weg nach Rom verloren gegangen. Dass das auch mit ihm zu tun haben könnte – auf den Gedanken kam er nicht.



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