Leseprobe: Die Tage des Raben


Aus Kapitel 9, S. 297 - 300
© 2005 by Blanvalet-Verlag,
München.
Wiedergabe mit
freundlicher Genehmigung.


... Erinnerungen waren das Einzige, was blieb, was Bestand hatte. Mit Erinnerungen war ich von zu Hause aufgebrochen, und sie wärmten mich, wenn ich fror. War ich nun arm oder reich damit? Gedankenverloren spielte ich mit einer Erinnerung herum, die ich gestern zwischen den wenigen Schmuckstücken, die mir geblieben waren, gefunden hatte: eine kleine geschnitzte Holzrose. Ein armseliges Stück und doch kostbarer als alle Edelsteine, denn die Inschrift, die einst ein brennendes Herz für mich geritzt hatte, rührte mich immer zu Tränen. Pone me ut signaculum super cor tuum. Was auch geschehen würde – er war das Siegel auf meinem Herzen, fest und stark und ewig. Trotzdem musste ich weinen.

Náttfari stolzierte auf und ab und krächzte leise vor sich hin. Spielerisch zupfte die Sonne an seinem Gefieder, dass es wie ein Königsgewand in allen Farben schimmerte. Mit wiegenden Schritten kam er auf mich zu und klapperte mit dem Schnabel. Schlagartig war ich hellwach. Heute war er anders als sonst. Er hüpfte umher, als hätte er von Vater Ælfrics Met gekostet, plappernd und mit sich selber tanzend. Alles wird gut. Keine Angst. Keine Angst. Keine Angst. Die kleinen Augen glitzerten verheißungsvoll. Ob Galgenvogel oder Schicksalsbote – ich begann diesen Vogel irgendwie zu mögen. Sollten die Leute doch sagen, was sie wollten. Auf seine Botschaften konnte man sich verlasssen, und heute brachte er mich mit seinem eigentümlichen Tanz tatsächlich zum Lachen. Blinzelnd verbeugte er sich.

“Du bist wunderschön, wenn du träumst, Alienor von Sassenberg, hab ich dir das schon mal gesagt?”

Mein Herz stand für einen Moment still. Trau dich doch, zwinkerte der Vogel mir zu.

“Viel zu selten, Erik Emundsson – du bist ja nie da.” Ich fing schon wieder an zu weinen, vor Erleichterung, vor Freude, aber auch vor Trauer, weil ich nie wieder allein sein wollte und doch wusste, dass er nicht bleiben konnte. Er saß hinter dem Weidenhüttchen, ganz in meiner Nähe und trotzdem darauf bedacht, in Deckung zu bleiben. Immer auf der Flucht. Sollte das denn ein Leben lang so weitergehen ... Ich drehte mich auf den Bauch, um ihn besser sehen zu können. Die Sonne eilte zu Hilfe, um ihren Liebling ins rechte Licht zu rücken, und schob die restlichen Wolken zur Seite, die diese Morgendämmerung stören könnten.

Sein Haar schimmerte wie die geöffnete Schatztruhe des Königs, obwohl ich wusste, dass sich immer mehr weiße Strähnen in die goldene Pracht geschmuggelt hatten. Gierig tauchte die Sonne in das Blond und badete darin. Schatten umgaben seine Augen wie schlafende Nachtfalter, er wirkte müde und ausgelaugt.

“Wo bist du gewesen?”, fragte ich leise. “Wo bist du nur gewesen ...”

“Ich war die ganze Zeit in der Nähe. Ich bin immer in deiner Nähe, elskugi.” Er fuhr sich mit den Händen durchs Gesicht, walkte die Haut, bis sie rot anlief. “Ivo streifte hier herum ...”

“Er sucht dich.”

“Ich weiß. Er sucht mich sogar mit einer Leiche im Gepäck. Er schleppt sie mit sich herum, statt sie unter die Erde zu bringen, wie es sich für einen Christenmenschen gehört.” Angeekelt spuckte er aus.

“Und jetzt ...?”

“Komm her.” Er streckte die Hand nach mir aus. Warum fiel es so schwer aufzustehen? Fast schämte ich mich für mein Zögern, seiner Einladung zu folgen. Die Hand blieb indes ausgestreckt. Sie war warm und fest, wie ich sie kannte, und doch erlebte ich ihren Griff neu.

“Geht es dir gut? Den Kindern? Geht es den Mädchen gut?” fragte er heiser. Noch lag eine Elle zwischen uns. Eine Elle, die schmerzte.

“Wir sind gesund.”

Er zog fest an meiner Hand, überwand all meine Widerstände, und dann hockte ich bei ihm, so dicht es ging, und versuchte, die Tränen zurückzuhalten, weil ich ahnte, was nun kommen würde.

“Du bist ein tapferes Kriegerweib, Alienor. Ich wünschte, ich könnte eine Burg für dich bauen ...” Die stand in seinem Herzen und ich fühlte mich auch sicher darin, doch was war sie ohne ihn?

Náttfari schnarrte misstönend. Dann breitete er die Schwingen aus und flatterte viel zu laut davon. Nichts würde gut werden. Ich wappnete mich für das, was nun kommen würde.

“Ich habe mich entschlossen, zu Hereweard zu gehen. Du erinnerst dich ...?”

Mein Blick wanderte dem Vogel hinterher, der immer Recht hatte. Auch diesmal.

“Erinnerst du dich an ihn?”, drängte Erik.

Narürlich erinnerte ich mich an ihn, schließlich hatte ich den Rebellen der Fens eine ganze Nacht lang in meiner Feuergrube bewacht. “Weißt du denn, wo er ist?”

“Das werde ich wohl herausfinden.” Nachdenklich drehte er den Knoten, den Hereweard ihm damals gegeben hatte, zwischen den Fingern hin und her. Ich kniete mich vor ihn hin. “Aber ... dann bin ich fort. Richtig fort, Alienor. Du wirst mich dann nicht mehr finden – Hereweard hält sein Versteck sehr geheim.” Er legte die Hand unter mein Kinn. “Wirst du das können?”

“Nimm mich mit!”, platzte ich heraus, “nimm mich mit ...”

“Das geht nicht, Liebes.” Sanft streichelte er mein Gesicht. “Ein Kriegerlager ist kein Ort für eine Frau wie dich ...” Osberns Hütte war auch kein Ort für eine Frau wie mich. “Sobald ich etwas gefunden habe, wo wir alle sicher leben können, hole ich dich. Aber -” er sah mir in die Augen - “ich weiß nicht mehr, ob das für uns beide vorgesehen ist, elskugi.”

Ich schluckte unter der Wucht seiner Ankündigung. “Wie lange?”, würgte ich hervor.

“Ich weiß es nicht.” Wo soll ich sonst hin, formulierte er lautlos. “Ich weiß es doch nicht ...”

Das Drama seiner stillen Frage dröhnte mir in den Ohren. Wohin? Wohin mit einem glücklosen Krieger, wohin mit einem heidnischen Schwertträger, der den Stolz seines edlen Geschlechts allzu sehr auf der Zunge trug – wohin mit dem goldenen Sohn der Ynglinge, der außer dem Kampf nichts gelernt hatte?

“Wir müssen den Ort annehmen, den Gott uns zuweist.” Was für ein dummer Spruch. Und doch – genau so war es. Was nutzte es, wenn man strampelte und um sich schlug, um das Schicksal zu bekämpfen? Am Ende landete man doch dort, wo es Gott gefiel.

Zärtlich strich er mir übers Haar. “Du hast dich verändert, elskugi.” Seine Stimme schwankte.



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