Leseprobe: Die Totenfrau des Herzogs



© 2009 by Blanvalet-Verlag,
München.
Wiedergabe mit
freundlicher Genehmigung.


Durch die Weihrauchschwaden sah Ima, wie sich darüber die Züge des Herzogs noch einmal merklich entspannten. Er ging mit dem Bild seiner geliebten Dame im Herzen, und mit ihrer Berühung auf der Haut, und er ging leicht wie eine Feder. Ima legte ihm die Hand auf den Arm – mehr wagte sie nicht zu berühren. Es flackerte unruhig in ihm, ein Hauch, noch ein Flackern, ein wehmütiges Glühen, wie der Blick zurück auf ein erfülltes Leben. Dann legte der Tod seinen Mantel über den ausgezehrten Körper, und Imas Hand, die sich schon einmal angemaßt hatte, mit ihm zu kämpfen, gefror darunter zu Eis. Der sechste Finger schmerzte, doch niemand hörte ihr leises Aufstöhnen. Mit Mühe zog sie die Hand unter dem Mantel hervor und versuchte sie unter ihrem Rock zu wärmen. Der Tod schickte ihr wütend Kälte hinterher. Es war allein an ihm, den Mantel zu ordnen und sein fahles Tuch über das Gesicht des Toten zu legen.

Draußen frischte der heiße Sommerwind heftig auf. Wie ein verletztes Tier heulte er zwischen den Zelten und rüttelte an den Wänden, daß die Menschen zusammenfuhren und sich gegenseitig festhielten – das musste ja das Gericht Gottes sein, sicher hatte sich draußen der Himmel geöffnet und man würde die Leiter sehen, auf der einst Jakob aufgestiegen war ...

Pater noster ...“ rief Bruder Angelo, und die Trauernden fielen furchtsam ein in das Gebet des Herrn, denn mit Macht rauschte der entfesselte Sommerwind über das Zelt und holte sich durch die Rauchöffnung an der Decke die Seele des Herzogs von Apulien, der vor wenigen Augenblicken sein Leben ausgehaucht hatte.

Ima fand, daß der Mönch zu viel Weihrauch benutzte. Vielleicht glaubte er, Robert damit besser geleiten zu können, doch merkte er nicht, daß bereits Männer am Boden lagen – vom Fasten, von der Hitze, vom Weihrauch ... auch Sicaildis' Augen stierten so charakteristisch. Hatte sie überhaupt bemerkt, daß ihr Mann bereits tot war?

Ja, das hatte sie. Sie küsste ihn nämlich ein letztes Mal auf Augen, Mund und Stirn. Und dann begann sie zu schreien, wie Ima das noch niemals zuvor gehört hatte. Auf den Knien hockend, wiegte sie sich hin und her, raufte sich das Haar, bis es, gelöst von Nadeln und Bändern, in langen Flechten an ihr heraubfiel, sie riß an ihrem seidenen Oberkleid und gab nicht eher Ruhe, bis es über die Schulter hing. Ihre Nägel zerkratzten das Gesicht, gruben tiefe Furchen in die Haut, und bald liefen erste Blutstropfen über die rotgekratzten Wangen. Wie kleine Rubine lagen sie auf dem weißen Leinenunterkleid und verschmolzen erst nach und nach mit dem Stoff.

Auch die Männer begannen zu weinen und wehzuklagen, wie es sich gehörte, wenn eine hochgestellte Person zu Gott gegangen war. Robert di Loritello warf sich auf den Boden und schluchzte dem Kampfgefährten hinterher, Marc de Neuville wischte mit einem weißen Tuch über das Gesicht, und der Ministrant warf eine weitere Handvoll Weihrauchharz in die Kohle. Ima schlich vorsichtig durch die Reihen, Gérard nahm sie an der Waffentruhe in Empfang, sie hätte ihn durch die Rauchschwaden nicht gefunden.

„Ist er tot?“ fragte er überflüssigerweise. Sie nickte. Von hier hinten sah Sicaildis' Trauer besorgniserregend aus, ihre Wangen waren blutüberströmt und das Haar hing ihr wirr über die Schultern.

„Sie ist krank,“ stellte er beunruhigt fest. „Wird sie auch sterben?“

„Nein,“ flüsterte Ima. „Obwohl sie das vielleicht möchte. Jetzt.“ Sie seufzte und kniete nieder. So sah die Klage einer Salernitanerin aus, für die Trotula einst eine Paste ersonnen hatte, die dafür sorgte, daß die Trauernde sich nach dem Begräbnis wieder zeigen konnte. Ima hatte einen Tiegel von der Paste in ihrem Beutel gefunden – von Trota in weiser Voraussicht eingepackt.

Neben ihr knarzte Leder. Gérard war niedergekniet, eine Spur zu dicht neben ihr, und nicht um zu beten, sondern um bei ihr zu sein, wenn Anstrengung und Weihrauch ihren Tribut fordern würden. Seine Nähe half.

Der Wind indes hatte sich verzogen. Sie betrauerten einen seelenlosen Leichnam.

 

Das Wehklagen zog sich die ganze Nacht hin.

Robert Guiscard wurde beweint, wie sich das für einen großen Herrscher gehörte. Als in den frühen Morgenstunden die ersten Trauernden in Ohnmacht fielen, brachten Diener Getränke und Speisen in das Zelt, um die Schwachen zu laben. Das Schreien flaute ein wenig ab, manchmal hörte man jemanden lachen, wie es passiert, wenn die Nerven überreizt sind und Gefühle sich falsche Ventile suchen.

„Hast du Hunger?“

„Nein.“

Seit Stunden hockten sie hier draußen, wieder gegen die Wand eines Zeltes gelehnt, und starrten in den sternklaren Himmel. Die Stimme der Nachtigall hatte sie eine ganze Weile begleitet, und vielleicht war Robert wirklich von ihr in den Schlaf gesungen worden. In der Unruhe des Zeltes hatte man ihr feines Lied nicht hören können, doch hier draußen war es wie wohltuend kühlende Tropfen über ihre Gesichter geperlt.



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