Leseprobe: Die Waldgräfin


Aus Kapitel 9, S. 260 - 263
© 2001 by Blanvalet-Verlag,
München.
Wiedergabe mit
freundlicher Genehmigung.


... Im selben Augenblick zuckte ein Blitz über den rabenschwarzen Himmel. Das Gewitter war zurückgekehrt und teilte mit unverminderter Wucht seine Schläge über dem Kloster aus; ein Grollen hing in der Luft, und ein Blitz tauchte den Schlammsee, der sich seit dem Regen an der Stelle des Klosterhofs befand, in gleißendes Licht. War es der Schweifstern, der Unglücksbote, der uns diese Nacht wie zum Jüngsten Gericht bescherte? Brachte er den Zorn Gottes über uns – über mich, für mein sündiges Verhalten, oder gar über den Abt, für seinen Mordversuch ...? Ich fürchtete mich davor, ihn wieder am Himmel zu finden. Ein furchtbarer Donner krachte so nah, dass ich glaubte, der Herr der wilden Jagd stünde hinter mir und ich könnte, wenn ich es nur wagte, in seine hässliche, schwarze Fratze sehen. Schreiend hielt ich mir die Ohren zu und taumelte gegen die Wand.

“He, habt Ihr etwa Angst vor dem Gewitter?” Erik packte mich an der Schulter. “Ihr bietet Eurem Vater die Stirn und verkriecht Euch, wenn es donnert? Hier habt Ihr meine Hand, haltet Euch daran fest, wenn Ihr wollt.” Sie war warm und fest, und es war, als hätte der Donner wenigstens über sie keine Macht. Das dumpfe Nachgrollen noch im Ohr, packte ich sie fester und ließ vorsichtig meinen Blick über den Hof schweifen, während Erik die schwere Tür zuzog. Die Stallungen, das Abtshaus, die Kirche, über der eben noch – gütiger Himmel, die Kirche!

“Die Kirche! Erik, sieh doch! Jesus Maria ...”

Sie brannte. Lichterloh. Ich spürte, wie er hinter mir erstarrte.

“Der Blitz muss eingeschlagen haben”, murmelte er, ungläubig auf die Flammen starrend, die trotz des Regens leckend aus dem hölzernen Dachstuhl hervorschlugen und gespenstisch vor dem dunklen Nachthimmel aufleuchteten.

Er nú mjok þrongt at oss. Rasch, wir schaffen es vielleicht noch!”

“Der Feuerdrache! Erik, ich habe ihn wiedergesehen, er verfolgt uns, er war hier, über dem Kloster -” Angst hatte mich im Griff, ich versuchte, mich von seiner Hand loszumachen, um wegzulaufen, weg -

“Was habt Ihr gesehen?”

“Der schreckliche Stern war hier! Lass mich -”

“Wenn wir noch lange zögern, ist es zu spät!” Ohne ein weiteres Wort ergriff er meinen Arm und zog mich im Laufschritt zur Kirche. Je näher wir dem Gebäude kamen, desto lauter wurde das Brausen, das das wütende Feuer hervorrief – als säße gleich hinter der Kirche eine Feuer speiende Bestie, deren Kopf bis in den Himmel reichte und die nur darauf wartete, dass sich ein Unvorsichtiger in ihre Nähe wagte.

“Erik, wo willst du hin?!”

“Hinein!”

”Um Himmels Willen, bist du von Sinnen -”

Bralla, lauf!”

Vom Dormitorium gellte ein entsetzlicher Schrei: “Feuer! Herr Jesus – die Kirche brennt!”

Die Bestie schäumte, und ein Funkenregen ging über dem Kirchturm nieder. Gleich darauf wurde das Kloster munter. Die ersten verschlafenen Gestalten erschienen schwankend auf dem von Feuer und Wetterleuchten erhellten Hof, und begafften fassungsglos die Flammen, die sich in den Himmel reckten. Das Gebäude, in dem sie sich an Mitternacht zur Vigil versammeln sollten, brannte wie ein riesiger Scheiterhaufen, angezündet von den Mächten den Bösen, und schwarz wie die Ausdünstung der Hölle stieg der Qualm in die Höhe. Wieder erhellte ein blendend weißer Blitz den Nachthimmel, diesmal über dem Wohnhaus des Abtes, gefolgt von einem bösartig knurrenden Donner, der sich nach kurzem Zögern krachend entlud.

“Ich will nicht”, heulte ich, drehte mich um, wollte fortlaufen, doch Erik hielt mich fest.

“Alienor, kommt jetzt. Noch hat uns niemand bemerkt.” Wir befanden uns einige Meter vor dem imposanten Portal, ich konnte die Hitze des Feuers bereits in meinem Gesicht spüren. Zitternd schüttelte ich den Kopf und blieb stehen.

“Ich gehe da nicht rein, Erik, ich – der Unglücksstern ist hier, ich kann nicht ...” Ich presste die Hand auf den Mund, als könne sie die Furcht dort einsperren, spürte kaum, wie Erik mir das Tuch abnahm. Er tauchte es in eine Pfütze und legte es mir triefend nass wieder um die Schultern. Die Schreie der Mönche, undeutlich und verwaschen, kamen näher. Auch Eriks Hemd schwamm nun in der Wasserlache, ungeduldig zog er es hin und her um es zu durchtränken, bevor er es wieder überstreifte. Jemand läutete aus Leibeskräften eine Sturmglocke, doch das blecherne Stimmchen der Glocke kam nicht gegen den Lärm an. Wie ein gehetztes Tier sah ich mich nach allen Seiten um, bereit zu kopfloser Flucht. All meine Sinne wehrten sich gegen den Brandgeruch, der übermächtig wurde, nun, da wir direkt neben dem Feuer standen. Es würde uns verzehren, mit Haut und Haaren, würde nichts von uns übrig lassen als Knochen und weißen Staub.

“Alienor.” Erik schüttelte mich aus der Erstarrung. “Alienor. Noch ist es nicht zu spät! Lasst es uns versuchen -”

“Nein!” Ich versuchte, mich loszureißen. “Du willst mich umbringen! Lass mich los, lass mich!”

Da nahm er mein Gesicht in seine Hände, als wäre das selbstverständlich, und zwang mich, ihn anzuschauen.

Bera traust til mik! Alienor, ich habe geschworen Euer Leben zu schützen – glaubt Ihr im Ernst, ich würde Euch in dieses Feuer führen, wenn ich wüsste, dass es unser Ende wäre? Ich will leben! Und ich will, dass Ihr lebt! Bitte, reißt Euch zusammen, Euer Gott wird seine Hand schützend über uns halten, schließlich ist es Sein Haus ...”

“Da steht jemand! Seht doch!”, schrie jemand in unmittelbarer Nähe.

Eriks Gesicht schimmerte im Feuerschein, und als er mir fürsorglich das nasse Tuch über den Kopf zog und mir die Enden in die Hände drückte, war es, als strömte ein wenig von seiner Kraft und Zuversicht auch in mich, nur ein wenig, aber ich konnte nun ruhiger atmen und Hoffnung schöpfen. Ich blickte in seine Augen – und wäre ihm in diesem Augeblick überall hin gefolgt. Der Elfenkönig hatte wirklich die Macht, diese Flammen zu besiegen. Wir fassten uns bei den Händen und rannten, so schnell wir konnten, zur brennenden Kirche.

Kurz bevor wir hineinschlüpften, rissen die Wolken auf und ließen den Schweifstern erneut über dem Kloster erscheinen. Der Mönch an der Sturmglocke, der ihn zuerst sah, fiel auf die Knie und schrie seine Gebete dem unbarmherzigen Himmel entgegen und bald riefen auch die, die sinnlos mit Wasserkübeln herumirrten, dass der Unglücksstern den Leibhaftigen direkt vor der Kirche ausgespien hatte und er jetzt zwischen den Mauern tobte und wütete ...



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