Leseprobe: Freyas Töchter


Aus Kapitel 9, S. 296 - 300
© 2003 by Blanvalet-Verlag,
München.
Wiedergabe mit
freundlicher Genehmigung.


... Grau und unheimlich hockte der einsame Wolf einen Steinwurf von uns entfernt, den mageren Körper hechelnd gegen das Eis gedrückt. Das Blut an Eriks Kleidung musste ihn angelockt haben. Seine gelben Augen funkelten gierig im Mondlicht. Er wartete.

Ich saß wie erstarrt. Da, er bewegte sich. Auf dem Bauch rutschend kroch er näher, und sein leises Knurren ging mir durch Mark und Bein. “Domine ad adiuvandum ...”, murmelte ich. Eriks Körper zuckte, sein Kopf tanzte im Wasser, Blasen sprudelten hoch. Lass ihn verrecken, flüsterte da mir eine Stimme ins Ohr. Er wollte dir Gewalt antun, hier hast du deine Rache! Lass ihn doch verrecken ... Erik würgte, und seine Rechte krallte sich Hilfe suchend ins Eis.

Domine -”

Du hast die Macht, das Schicksal zu verändern – Hüterin des künftigen Königs, meldete sich da eine andere Stimme zu Wort, Hüterin, du hast kein Recht, ihn sterben zu lassen! Zwei schwarze Augen funkelten mich durch die Dunkelheit an. Du hast kein Recht!

Es gurgelte wieder im Wasser. Mir war übel. Die Stimmen traktierten mich, dann schwiegen sie. Nur die gelben Augen funkelten weiter.

Und dann hatte ich plötzlich keine Angst mehr vor dem Betrunkenen und seinen Fäusten. Ich band Snædís mit dem Umhang auf meiner Brust fest und packte Erik am Kragen, um ihn aus dem Wasserloch herauszuhieven. Ich zog aus Leibeskräften – Muttergottes – war er schwer! - und wälzte ihn über die scharfe Eiskante auf die Seite. Durch die heftige Bewegung knackte das Eis unter uns bedenklich. Wir mussten weg hier, herunter vom Eis, bevor es brach, und weg von dem Wolf ... Erik zuckte wieder, stöhnte qualvoll auf, und dann ergossen sich in einem Schwall die Opfergaben von Uppsala zu meinen Füßen – Unmengen von dunklem, sauren Brei fraßen sich dampfend durch das Eis, trotz der Kälte widerlich stinkend. Der Graue jaulte hungrig auf.

Entschlossen packte ich Erik an seinen langen Beinen und versuchte ihn an Land zu ziehen. Das Kind fing wieder an zu schreien. Es zappelte wie von Sinnen in dem Tuch herum – lieber Gott, wenn es sich löste, wenn es fiel ...

Und der Wolf kam näher, Stück für Stück, als wüsste er genau, dass ich ihn doch nicht davon abhalten konnte, seinen Magen zu füllen.

“Verschwinde!”, schrie ich, raffte Schnee zusammen und feuerte den Eisball in seine Richtung. Ein wütendes Bellen – doch er blieb hocken, die Zähne zu einem Grinsen gefletscht. Snædís' Gebrüll schmerzte mir in den Ohren, ich begann zu fluchen wie ein Landstreicher, während ich Erik Schritt für Schritt durch den pappigen Schnee schleifte. “Verfluchter Mist, verdammte Teufelsbrut – zum Henker mit dir, gottverdammter Yngling, die Pocken auf dein Gesicht – Herrgott, mach mich stark, ich kann nicht mehr, geh doch zum Teufel, verflucht, ich kann nicht mehr -”

Neben dem Felsbrocken brach ich mit weichen Knien zusammen. Hinter mir zog sich der Hohlweg wie ein endloser Schlauch in die Dunkelheit – nie würde ich es dort hoch schaffen! Und der graue Schatten hatte den Rand des Sees erreicht. Wieder hörte ich ihn gierig schmatzen ... was tun - was tun? Ins Haus laufen, einen Speer holen, ihn vertreiben, erlegen? Oder war er nur die Vorhut eines ganzen Rudels? Sein hungriges Knurren verkündete, dass er in jedem Fall schneller wäre, dass er sich auf den Bewusstlosen stürzen würde, sobald ich ihm nur den Rücken zuwandte – dass er keinen Moment länger zögern würde.

Pause machen. Nur eine kleine Pause machen, eine winzige Pause. Luft holen, ausruhen. Nur ganz kurz. Keuchend richtete ich mich auf und brach Tannenzweige ab, um mich gegen den Schnee zu schützen, der an einigen Stellen mein Hemd bereits durchdrungen hatte. Snædís wimmerte nur noch vor sich hin. Eriks Gesicht schimmerte bläulich. Erfrierungen breiteten sich vom Nasenrücken her über die Wangen aus. Sanft wischte ich mit dem Ärmel über seine Züge, die mir eben noch fremd und dämonisch vorgekommen waren. Jetzt erkannte ich sie wieder, die fein geschwungenen Augenbrauen, die edlen Wangenknochen und die schmale, ein wenig zu klein geratene Nase, über die meine Mägde daheim so gerne gespottet hatten. Und hinter den von feinen Äderchen durchzogenen Lidern saßen die Augen, die mein Herz immer noch zum Singen brachten – ich schluchzte auf.

Was für ein Alptraum hatte mich heimgesucht! Wie hatte es nur geschehen können, dass wir nun hier hilflos im Schnee lagen, ohne Worte füreinander zu finden! Allein in der Dunkelheit, verfolgt von einem blutrünstigen Nachtgeschöpf, hinter dessen gelben Augen sich die Seele eines rachsüchtigen Neidings verbergen konnte – Bruder Benno? Die Leute erzählten so viele schreckliche Geschichten von den einsamen Wölfen, die umhergingen und eine Spur des Todes hinter sich herzogen ...

Jetzt war er weder zu sehen noch zu hören. Doch ich spürte seine Gegenwart und dass er uns nicht verlassen hatte. “Domine ad adiuvandum me festina ...” Es gelang mir nicht, ein richtiges Gebet über die Lippen zu bringen – Gottes Zorn hing wie eine Geißel über mir, wie sollte ich ihn da noch um Hilfe bitten?

Das Gefühl der Einsamkeit wurde so körperlich, dass meine Glieder schmerzten. Mit meinen Tannenzweigen kroch ich dichter zu Erik und legte seinen Kopf in meinen Schoß. Obwohl ich erbärmlich fror, zog ich mir Vikullas Decke halb von den Schultern und breitete sie über seine entblößte Brust in der Hoffnung, die Schutzzauber mögen wenigstens diesmal helfen.

Das Einzige, was ich dem Kind geben konnte, war Milch, und es nahm sie dankbar, weil sie wärmte und beruhigte. Ich schlug das Tuch über ihren Kopf und sah mich um. Wo war der Graue jetzt? Sein lauerndes Schnüffeln war ganz nah, ich konnte seine strengen Ausdünstungen riechen. Aber noch konnte ich nicht weiter – noch ein bisschen Pause machen, nur ein bisschen ... der Mann neben mir lag wie tot da. Zögernd streckte ich die Hand aus und fuhr unter sein Hemd über die nasse,  kalte Haut und die blutbefleckte Narbe. Sein Herz schlug leise und regelmäßig.

Gut. Ich sah auf. Gut so.



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