Mehr zu: Die Waldgräfin
Als die Handlung der
“Waldgräfin”
mich damals wie der Blitz traf, hatte ich gar nicht vor, ein Buch zu
schreiben. Auf einmal war die Geschichte da: Alienor und Erik auf der
Flucht im Wald, wie sie sich gegenseitig beschimpfen (Beginn Kap. 3).
Ganz langsam entstand um diese Szene herum die Geschichte einer amour fou, einer für mittelalterliche Verhältnisse vollkommen unmöglichen Liebe zwischen einem Heiden (die damals als Tiere galten) und einer christlichen Gräfin, die sich über Konventionen hinwegsetzt. Diese Liebe berührt mich bis heute, obwohl ich doch eigentlich den Abstand dazu haben müsste.
Als die Geschichte Gestalt annnahm, begann eine aufwendige Recherche nach den Details. Da die Wikinger selbst keine schriftlichen Quellen hinterlassen haben und die nordischen Sagas nur sehr bedingt als seriöse Quelle genutzt werden können, bedurfte es einiger Phantasie, sich vorzustellen, was für ein religiös-spirituelles Empfinden ein Heide der ausgehenden Wikingerzeit wohl gehabt haben mag. Die Christianisierung gelang in Schweden ja erst, als alle anderen skandinavischen Länder bereits bekehrt waren. Insgesamt enstand für mich der Eindruck, daß die Menschen des heidnischen Nordens wenig Beziehung zu ihren Göttern hatten, sondern vielmehr an ihre eigene Kraft glaubten und die Götter eher so mit sich herumtrugen, wie die meisten Christen dies heute mit Gott tun: Er ist da, aber in erster Linie meistern wir unser Leben alleine.
Man friert, man hungert, man riecht den unglaublichen Gestank und hört ohrenbetäubenden Lärm, sehnt auf hartem Lager sich nach weichen Kissen. Man steckt die Nase in eine völlig fremde Welt, die doch zu den eigenen Wurzeln gehört.
Das
11.
Jahrhundert ist eine
Zeit, die
sowohl im schöngeistigen Bereich als auch in der Fachliteratur
eher vernachlässigt wurde. Sie hat nichts mehr mit der
Völkerwanderung zu tun und liegt noch vor den interessanten
Entwicklungen des Hochmittelalters mit Rittertum, farbenfrohen Festen
und Minnegesang. Um das “normale” Leben einer
kleinen
Gräfin verstehen und beschreiben zu können, halfen
mir die
sozialhistorischen Schriften von Hans Peter Duerr, vor allem aber die
französischen Mentalitätshistoriker um Georges Duby
und
Philippe Ariès mit ihren Forschungen rund um das
tägliche
Leben dieser Zeit. Interesssiert hat mich vor allem der ganz normale
Alltag, und wie man sein Dasein als Mensch in einer
grundsätzlich
furchteinflößenden und bedrohlichen Umwelt erlebte.
Wann man ißt, was man
ißt und
wie –
wer wo am Tisch sitzt, warum er dort sitzt und wie er dort hinkommt
–
und welches Gewicht das Wort des Priesters für den
Christenmenschen hat.
Die überragende Rolle
der
Priester, Religiosität und Frömmigkeit eines
mittelalterlichen Menschen sind mit heutigem Empfinden kaum noch
nachzuvollziehen – all dies ist aus der modernen Sicht sehr
fremd und wird in der Beschreibung erst richtig interessant.
Welche Rolle spielten die
Geister und
Wesen, die das Universum neben den Menschen bevölkerten, und
wie
mag es sich wohl angefühlt haben, einem 'Heiden' - einem nach
damaliger Ansicht von Gott Verfluchten –
gegenüberzustehen,
ihn zu berühren?
Davon will ich
erzählen.
Auch wenn keiner von uns die
Zeit
erlebt hat – es könnte sich wohl so
angefühlt haben
...
Leseprobe aus "Die Waldgräfin".
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Mehr zu: Freyas Töchter
Freya war bei den Menschen des
Nordens
die Göttin der Liebenden, der Magie und vor allem der
Fruchtbarkeit. Freyas Töchter
– das sind in
diesem Roman Frauen, die schweigsam und unbeeindruckt, dafür
mit
viel Herz für andere tun, was sie für richtig halten.
Zauberhafte Frauen mit geheimnisvollen Kräften, in deren
Gegenwart man sich geborgen fühlt, wenn man die erste Furcht
vor
ihnen überwunden hat. Stolze Frauen mit großem
Ehrgefühl,
was in unseren Augen vielleicht sogar brutal wirken
mag. Dieser
Roman ist eine Homage an
starke
Frauen, die sich in einer feindlichen Umwelt behaupten und einander
Halt geben, auch wenn die Welt um sie herum zusammenbricht.
Der Hintergrund der Geschichte indes war besonders interessant zu recherchieren. Historiker hatten zunächst geglaubt, trotz fehlender Schriftquellen ein recht genaues Bild von den Verhältnissen im Schweden des 11. Jahrhunderts zu haben. Sie mussten aber mit den voranschreitenden Ausgrabungen im Mälargebiet feststellen, daß man Teile der Geschichte neuschreiben muss. Das Jahr 1067 war offenbar nicht von blutigen Religionskriegen geprägt, wie ursprünglich anhand christlicher Chroniknachrichten (Adam von Bremen) angenommen. Der Wechsel vom Heidentum zum Christentum vollzog sich eher im Stillen und viel langsamer und unspektakulärer als bisher angenommen. Die Ausgrabungen am “Uppsalatempel” (der nach neusten Forschungergebnissen kein Tempel war, sondern die Königshalle) lassen darauf schließen, daß diese Halle, nachdem man sämtliches Inventar entfernt hatte, absichtlich niedergebrannt worden war. Es wird vermutet, daß es sich dabei um eine symbolische Handlung gehandelt haben muss: das Feuer als reinigendes Ende und gleichzeitig Auftakt für einen Neubeginn mit dem Christengott.
Dazu passt ein
Fundstück, welches
man im Museum von Gamla Uppsala betrachten kann: an Ketten
zusammenhängende Silberschalen einer gewissen
“Uikulla”,
wie an den Schalenrand geritzte Zeichen verraten - Historiker
vermuten, daß es sich hierbei um die Opferschalen einer
Priesterin handelt, die diese unweit des ehemaligen Tempels unter
einem Baum vergraben hat, wohl weil ihre spirituellen Dienste in der
neuen Zeit nicht mehr gefragt waren.
Die Frauen als Bewahrerinnen von Tradition und Wissen haben in dieser Umbruchszeit sicher eine besonders wichtige Rolle gespielt. Es war faszinierend, anhand von Saga und Überlieferung ein einigermaßen wahrscheinliches Frauenverhalten herauszuarbeiten und sich vorzustellen, wie wohltuend es wohl war, von solchen Menschen aufgenommen zu werden, wenn sich vor der Haustür Krieg und Blutvergießen zusammenbrauen.
Erik verschwindet in diesem Roman hinter den Frauen. Ich ließ ihn ganz bewusst ins Schlachtgetümmel hineinlaufen, denn kein mittelalterlicher Mann würde sich ernsthaft um Frau und Kind kümmern, wenn Ehre und ein Thron locken. Die daraus entstehende hartnäckige Beziehungskrise mag für den Leser verstörend und fremd klingen, doch muss klar sein, daß wir zwar nicht mit mittelalterlichen Maßstäben messen können, aber auch nicht unsere heutigen Maßstäbe ansetzen dürfen.
Leseprobe aus "Freyas Töchter".
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Mehr zu: Die Tage des Raben
Das Aufeinandertreffen von
Menschen
unterschiedlicher Kulturen hatte mich schon im Norden fasziniert, wo
das Christentum sich uraltem Götterglauben
gegenübersah und
mit der Sturheit und dem Stolz der Menschen zu kämpfen hatte.
In England gab es nach 1066 eine ähnliche Situation, wenn auch nicht religiös geprägt (getrennt durch den Kanal jedoch, finde ich, kann man durchaus von unterschiedlichen Kulturen sprechen): die jahrhundertelange Herrschaft der angelsächsischen Könige war 1066 in der Schlacht von Hastings mit dem Tod des letzten Godwineson zuende gegangen. Traditionen und Liebgewonnenes sanken dahin, als die wohlorganisierten, strukturierten und zielstrebigen Normannen die Insel betraten und aufräumten. (Ihr “Aufräumen” hatte im Übrigen eine ganz andere Qualität als das, was man von den wikingischen Dänen ab dem Jahr 793 - Überfall auf Lindisfarne - weiß. Trotz aller Brutalität waren die Wikinger bekannt dafür, sich problemlos zu assimilieren, wenn sie in dem jeweiligen Land einmal sesshaft geworden waren.)
Auch wenn die Meinungen
darüber
auseinandergehen, wie exzessiv Wilhelm
“aufräumen”
ließ und wie gravierend die Zerstörung von Yorkshire
nun
wirklich gewesen ist, so stellte sich mir wieder einmal die Frage
nach Einzelheiten des Alltags in solch turbulenten Zeiten.
Nun, was mich interessiert hat:
wie
haben sich die Menschen wohl nach solch einer Eroberung verhalten?
Haben sie opponiert, oder sind sie mit den neuen Herren mitgegangen?
Haben sie die neue Sprache gelernt? Neue Sitten, die gestrenge Regel
der Kirche respektiert? Haben sie den König erhöht
statt
ihn als Sachwalter des Volkes zu sehen? Haben sie rebelliert, wenn
sie Haus und Hof verloren?
Wie weit würde man selber als
Rebell
gehen?
Und – wie weit
würde man
gehen, wenn man von außen in die Situation kommt und weder
zur
einen noch zur anderen Seite gehört?
Erik versucht im dritten Band
sein Heil
als Söldner, doch er hat keine Söldnerseele. Deswegen
scheitert er erneut und diesmal endgültig – genau so
endgültig, wie der Rebell, dessen Leben er rettet.
Ich begegnete dem Rebellen von
Bourne,
Hereweard þe
wocnan, als ich über
Lincolnshire recherchierte. 'Hereward
the Wake' wird in mittelalterlichen Texten und in der Romanbiografie
von Charles Kingsley (19. Jh.) thematisiert, ohne daß seine
Existenz (ähnlich wie Robin Hood) definitiv nachgewiesen
werden
kann. Hereward wurde als gewissenloser Haudegen überliefert
und
später zum Freiheitskämpfer hochstilisiert. Er wuchs
in
meiner Geschichte zu einem Gegenheld zu Erik.
Hereward ist das, was Erik
nicht werden
kann, weil Erik Vision und Zielstrebigkeit, aber auch
mitreißende
Heiterkeit, vor allem aber Skrupellosigkeit fehlen - Eigenschaften,
die einen Menschen in jenen kriegerischen Tagen zum Anführer
machten.
Das kraftvolle, strahlende
Gegenpaar
Hereward und Torfrida half mir aber trotz des Dramas von Axholme,
Frieden für meine Hauptdarsteller zu finden. Vielleicht weil
ich
mit den beiden Angelsachsen den Mut fand, Liebe bis in den Tod zu
beschreiben. Ihre Liebe inspirierte mich zu einem Ende, mit dem ich
zu Beginn meiner Arbeit nicht gerechnet hatte. (Und um das Ende ist
ja unter “Erik-Fans” viel spekuliert, diskutiert
und
gewünscht worden ...)
Wer einmal auf Lindisfarne/Holy Island gewesen ist, der begreift, warum Geschichten hier zuende gehen möchten. Und warum diese Geschichte so endet, wie ich es aufgeschrieben habe. Ich kenne kaum einen magischeren Ort, wo man Gott und dem inneren Frieden näher ist, als auf dieser kleinen, sturmumtosten Insel an der Küste von Northumbria.
Leseprobe aus "Die Tage des Raben".
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